Ich sehe hier immer wieder Diskussionen über Messenger, die oft entweder technisch überladen oder unrealistisch sind. Deshalb hier mal eine sachliche Einschätzung aus der Praxis, die berücksichtigt, wie die Szene tatsächlich tickt. Die Realität: Telegram ist der Standard Lassen wir uns nichts vormachen: Der Großteil der Kommunikation läuft über Telegram. Das ist Fakt. Der Grund ist einfach: Es ist schnell, einfach und jeder ist darauf erreichbar. Man kann die Szene nicht davon überzeugen, auf Jabber oder Session umzusteigen, nur weil es theoretisch sicherer wäre. Das ist wishful thinking. Die Frage ist also nicht "Wie bekommen wir alle von Telegram weg?", sondern "Wie nutzt man das existierende System so sicher wie möglich, ohne die eigene Sicherheit zu ruinieren?". Telegram auf dem PC: Die pragmatische Lösung Die Nutzung von Telegram auf dem PC ist hier der entscheidende Punkt. Ein PC, insbesondere wenn er mit einer Linux-Distribution wie Tails oder Qubes OS läuft und über Tor verbunden wird, isoliert eure Aktivitäten weitgehend von eurer Person. Die Desktop-App von Telegram speichert standardmäßig weniger Metadaten auf dem Gerät und ihr könnt die Installation besser kontrollieren und absichern als auf einem Handy. Die goldene Regel dabei: Auf dem PC wird nur kommuniziert. Es werden keine Drop-Daten, Adressen, Lieferinformationen oder sonstige strafbare Inhalte über diesen Kanal geteilt. Telegram ist für die allgemeine Absprache und Koordination gedacht, nicht für den Austausch von belastenden Beweisen. Alles, was euch direkt mit einer Tat verbinden könnte, hat auf Telegram nichts zu suchen. Dafür gibt es andere, sicherere Kanäle. Die Alternative: Der "sichere" Kanal für sensible Daten Für alles, was wirklich wichtig ist – also der Austausch von Adressen, Lieferdetails oder anderen hochsensiblen Informationen – muss ein zweites, getrenntes System her. Hier kommt die technische Disziplin ins Spiel. Jabber (XMPP) mit OTR: Bleibt der Goldstandard. Keine Telefonnummern, keine zentralen Server, die man abkompagnieren könnte. Der Aufwand ist hoch, aber für die wirklich wichtigen Dinge unvermeidbar. Session: Eine gute Alternative. Keine Registrierung per Nummer, Metadaten-Schutz durch das LokiNet. Es ist ein solider Kompromiss zwischen Sicherheit und Handhabbarkeit. Das Handy-Problem: Und jetzt zum wichtigsten Punkt, der immer wieder ignoriert wird: Ich halte nichts von "Szene-Handys". Ein Handy ist per Definition ein tracking-fähiges Gerät, das permanent mit euch verbunden ist. Egal wie sicher die App ist, das underlying Betriebssystem (Android/iOS) ist eine Blackbox, die Daten an den Hersteller sendet. Eure Sicherheit wird dadurch extrem stark eingeschränkt. Ihr könnt die beste Verschlüsselung nutzen, aber wenn das OS selbst euren Standort, Kontakte und Nutzungsdaten protokolliert, war alles umsonst. Wenn es denn unbedingt ein anonymes Telefon sein muss, weil man mobil erreichbar sein muss, dann gibt es nur eine ernstzunehmende Option: Ein Google Pixel, auf dem man GrapheneOS installiert. Das ist das einzige mobile Betriebssystem, das auf harte Sicherheit und Privatsphäre ausgelegt ist und die Google-Infrastruktur komplett entfernt. Alles andere ist eine Gefahr für euch und eure Umgebung. Fazit & Strategie: Alltag & Koordination (80%): Telegram auf einem abgesicherten PC (Linux/Tails). Strikte Trennung von Kommunikation und kriminellen Inhalten. Keine Drops, keine Adressen, keine Beweise. Sensible Daten (20%): Ein separater, technisch sauberer Kanal wie ein eigener Jabber-Server oder Session. Nur für den kleinen, vertrauenswürdigen Kreis. Mobil / Ano Phones: Vermeiden. Wenn absolut nötig, dann nur mit einem dedizierten Gerät (Google Pixel + GrapheneOS), das für nichts anderes genutzt wird. Diese Strategie berücksichtigt die Realität in der Szene und bietet gleichzeitig einen maximalen Schutz für die wirklich kritischen Aspekte eurer Tätigkeit. Es geht nicht darum, den perfekten, unknackbaren Messenger zu finden, sondern darum, die Risiken intelligent zu managen.